Steffen Diemer - Nelke WVZ# 1264, 2024, Ambrotypie auf Schwarzglas, Unikat, 16 x 21 cm
Samstag, 27. Februar 2027, 19 Uhr Eröffnung. Einführung: tba

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 21. März 2027, sonntags 15-18 Uhr und nach Vereinbarung zu sehen.

Gehen in der Natur ist für mich poetische Praxis, künstlerische Intervention in der Gegenwart und Weigerung, stillzustehen; als Stolpern auf den Spuren des eigenen und der anderen, bereit sein, sich zu verlaufen, nur um den Weg wiederzufinden.
In der Übung des völlig ansatzlosen Gehens in der Natur, möchte ich mir selber näherkommen, fern von allen Ablenkungen. Einfach die Chance haben, bei mir zu sein, um meiner Seele zu signalisieren: Ich nehme mir Zeit für mich.
Auch Thomas Bernhard betrachtete das Gehen nie bloß als Fortbewegung, sondern als eine Denkform. Schritt für Schritt entfaltet sich ein innerer Monolog, der sich an der Bewegung entzündet, sich steigert, ins Stocken gerät und wieder neu ansetzt. Spazieren bedeutet bei ihm, sich der Welt auszusetzen und sich zugleich von ihr zu entfernen. Es ist ein rhythmischer Prozess zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.
Durch diese Praxis begegnen mir Objekte, die ich sonst vermutlich nicht entdecken würde, ein mir Entgegenkommen im reinsten Sinn. Es entstehen daraus Unikate auf handgefertigtem Schwarzglas, Bilder meiner Seele.

Vita

Vor nicht allzu langer Zeit erhielt ich eine freundliche Erinnerung, doch nun endlich meine Vita für einen Ausstellungskatalog zu schicken. Kaum begann ich, diese auf die geforderten 1800 Zeichen zu reduzieren, überkam mich der Gedanke, dass darin zwar viele Fakten zu finden sind, die mich und vor allem aber den Wesenskern, aus dem meine Arbeit entspringt, überhaupt nicht beschreiben. Es ist eine Aneinanderreihung von zeitlichen Ereignissen, wie z. B. mein langer Aufenthalt in Japan, mehr aber auch nicht. Welche vielleicht noch nicht mal von besonders großem Interesse sind. Sie sollte eben in einem Ausstellungskatalog stehen … Gelangweilt davon, wendete ich mich einer anderen Tätigkeit zu und las dabei einen Sendbrief des deutschen Mystikers und Theosophen Jakob Böhme, den dieser am Tag Mariä Himmelfahrt 1621 schrieb. Auf ganz wundersame Weise fand sowohl ich mich, als auch meine Arbeit darin wieder, die ich jetzt hier anstatt meiner Vita auszugsweise wiedergebe. (Steffen Diemer)

– Wie wohl mir die Sonne nochmals ziemliche Zeit geschienen hat, aber nicht immer beharrlich. Wenn sich diese hat verborgen, so habe ich meine eigene Arbeit kaum verstanden, und solches darum, auf dass der Mensch erkenne, dass das Wissen nicht sein, sondern Gottes sei, dass Gott in der Seele des Menschen wisse, was und wie er will. Darum ist mein ganzes Werk als eines Schülers, der zur Schule geht. Gott hat meine Seele in eine wunderliche Schule geführt, und ich kann mir in Wahrheit nichts zuweisen, dass meine Ichheit etwas wäre oder verstünde. Es soll keiner höher von mir halten, als er hier sieht. Denn das Werk in meiner Arbeit ist nicht mein. Ich habe es nur nach dem Maß, als mir es vom Herrn vergönnt wird. Ich bin nur sein Werkzeug, mit dem er tut, was er will. Es soll nicht jemand einen anderen in mir suchen, der ich nicht bin, als einen von Kunst und hoher Vernunft, sondern ich lebe in Schwachheit und Kindheit, in der Einfalt Christi, in seinem mir gegebenen Kinderwerke.

Filmbeiträge zu Steffen Diemer